Manevi rehberlik ist der türkische Begriff für Seelsorge. Übersetzt heißt er: spirituelle Leitung. Gülbahar Erdem ist damit „nicht ganz glücklich“, sagt sie. „Rehberlik ist auch der Stadtführer – aber ein Seelsorger oder eine Seelsorgerin führt nicht. Sie geben keine Empfehlungen oder Ratschläge im seelsorglichen Gespräch. Ihre Aufgabe ist es, Menschen zu begleiten.“ Die Muslimische Seelsorge (MUSE) Wiesbaden, seelsorgliche Begleitung primär für Muslimas und Muslime, existiert seit 18 Jahren. Gülbahar Erdem, Wahl-Kölnerin, geboren in Mainz, mit türkischen Wurzeln, hat dieses erste Angebot initiiert. Heute ist sie Mitarbeiterin der Universität Paderborn und Fürsprecherin gemeinsamer Standards interreligiöser Seelsorge. Ein Weg dorthin ist für sie die Messbarkeit seelsorglicher Formate und die Befragung Seelsorgender. „Wirkungsmessung finde ich strategisch bedeutsam. Es stärkt die Haltung derer, die sich engagieren.“
Menschen wie sie. Als Gülbahar Erdem 2007 während einer Fortbildung christlicher Seelsorgender vom Team des Amtes für Zuwanderung und Integration der Stadt Wiesbaden angesprochen wird,
ob und wie muslimische Patientinnen und Patienten bei einem Klinikaufenthalt seelsorglich begleitet werden, stutzt sie. Muslimische Seelsorge? Besuche und Vier-Augen-Gespräche mit einer außenstehenden Person, ja, das Angebot kennt die gut vernetzte Muslima von den christlichen Kirchen. Ihre eigene Religion hat dafür indes kein Wort – noch nicht. „Der Krankenbesuch ist eine religiöse Pflicht für Muslime, die sich nicht delegieren lässt. Fürsorge für Kranke ist Sache der Familie. In Moscheegemeinden gibt es hie und da kleine Initiativen, Gemeindemitglieder kaufen dann an einem Feiertag Blumen und besuchen kranke Menschen“, entgegnet sie damals. Und sagt heute: „Tatsächlichen haben die Moscheegemeinden keine personellen Ressourcen für einer organisierte und professionalisierte Seelsorge. Das war eine Verlegenheitsantwort, die mich aber nicht losgelassen hat.“

Inzwischen ist MUSE e.V. fester Bestandteil des seelsorglichen Angebotes in den Wiesbadener städtischen Klinken und Pflegeeinrichtungen, von Muslimas und Muslimen – für Muslimas und Muslime. Ausgebildete Ehrenamtliche stehen den Kranken, ihren Angehörigen, sowie Trauernden bei. Die Gespräche führen sie auf Deutsch, Türkisch, Arabisch, Bosnisch oder Persisch. Sie obliegen genau wie christliche Seelsorge der Schweigepflicht. Anfangs fremdelt die muslimische Community in der hessischen Landeshauptstadt mit der Vorstellung eines seelsorglichen Dienstes – ist diese doch primär mit dem kirchlichen Angebot verknüpft – weiß Gülbahar Erdem aus der eigenen Ehrenamtspraxis. Sie berichtet von ihrem seelsorglichen Besuch einer muslimischen Patientin im städtischen Klinikum. „Die Angehörigen wichen der Kranken nicht von der Seite. Das ist einerseits schön, andererseits baut es Druck auf. Weil die Patientin entweder gefordert ist, vor ihrer Familie durchzuhalten, oder weil die Seelsorgerin die Angehörigen mittrösten muss.“ Um der Patientin in dieser Situation Raum und Ruhe zu gönnen, geht Gülbahar Erdem in ihrer gemeinsamen Muttersprache Türkisch auf die Angehörigen zu. Die Worte zeigen Wirkung.

„Freundlich sein, aber bestimmt“, das habe sie sich von ihren Kolleginnen abgeschaut. Ausgebildet an der Schnittstelle zwischen Theologie, Islamwissenschaft und Seelsorge, geht Erdem als Vernetzerin und Gestalterin zuerst dorthin, wo Klinikseelsorge bereits stattfindet: Zu den Pfarrpersonen der evangelischen und der katholischen Kirche. „Die Zusammenarbeit funktionierte von Anfang an gut und die anfänglichen Vorbehalte gegenüber einer muslimischen Seelsorge haben wir der persönlichen Begegnung abbauen können. Ich habe viel gelernt, über die Struktur von Seelsorge und was die Abläufe im Krankenhausalltag angeht, dass es Zeiträume gibt, die sind für seelsorgliche Gespräche besser und solche, die sind es nicht.“
Dann kommt der Tag, da eine Kollegin fragt: „Auf Station teilen sich eine Christin und eine Muslima ein Zimmer. Kannst du dir vorstellen, mitzukommen?“ Sie kann es. Als sich die Tür öffnet und sie die Patientin mit einem „merhaba“ grüßt, ist das Eis gebrochen.
Obwohl ihr das Türkische fortan hilft, (Gesprächs-)Grenzen zu überwinden, ist Gülbahar Erdem bewusst, „dass die Basis einer seelsorglichen Ausbildung die deutsche Sprache sein wird“. Begonnen 2008 als Projekt des Einwohner- und Integrationsamtes der Stadt Wiesbaden, mündet es 2015 in die Gründung von MUSE e.V.. Die Ehrenamtlichen für die Ausbildung spricht sie persönlich an. 2009 startet der erste Kurs seine einjährige Ausbildung, 2010 folgt ein weiterer. Die 23 Teilnehmenden haben unterschiedliche Muttersprachen und Migrationsbiografien und kommen aus allen Generationen. Sie sammeln – genau wie Gülbahar Erdem – mit ökumenischer Unterstützung praktische Erfahrungen. „Die Struktur und die pastorale Herangehensweise, die das Christentum und dessen klinische Seelsorgeausbildung haben, dieses Konzept gab es in der muslimischen Community bisher nicht. Wir haben versucht, die Haltung zu menschlicher Fürsorge in die seelsorgliche Aktivität zu übersetzen.“
Längst ist das MUSE-Team in Wiesbaden etabliert. Nicht nur, weil auch in der muslimischen Community Vereinzelung und Individualisierung der Lebensentwürfe deutlich zunehmen. „Die Altersvereinsamung war für türkischstämmige Menschen lange unvorstellbar“, vergleicht Gülbahar Erdem, „aber es gibt sie einfach; mit steigender Tendenz.“ Sie schlussfolgert: „Seelsorge ist ein gesamtgesellschaftlich bedeutsames Thema. Wenn wir es ökumenisch angehen und jede Religion eigene Anteile einbringt, können wir Qualitätsstandards wirksam sichern.“
Text: Tanja Kasischke / Fotos: pr