Seelsorge: Wirksamer Wechsel vom Standbein zum Spielbein

Not lehrt beten – in dem Sprichwort steckt mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit: 81 Prozent der Bundesbürger*innen geben an, seelsorgliche Angebote „als verlässlichen Anker in Krisensituationen“ wahr- und in Anspruch zu nehmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Onlineumfrage im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland. 5000 Männer und Frauen im Erwerbsalter haben sich beteiligt. Die Mehrheit findet Seelsorge wirksam. Ihre Relevanz koppelt sich stark an persönliche Krisen. In der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ist 2026 das Jahr der Seelsorge. Haupt-, Neben- und Ehrenamtliche diskutieren das zentrale Standbein von Kirche. Und stellen fest: Es ist mittlerweile ihr Spielbein.

Marianne Gorka, Regionalbischöfin im Sprengel Lüneburg, hat im Herbst ihren Generalkonvent auf das Thema zugeschnitten. Das Treffen aller hauptamtlichen Pfarrpersonen des Sprengels hatte zuvor eine Priorisierung des „ureigensten Themas von Kirche“ ergeben, wie die Bischöfin erzählt. Aus gutem Grund: Lange war eben Kirche ureigene und einzige Anbieterin, Seelsorge ihr Standbein. Mittlerweile konkurriert sie mit professioneller, konfessionell unabhängiger Lebensbegleitung, Paarberatung, mit therapeutischen Kursen oder Begegnungsformaten für einsame Menschen. Alle diese Angebote gehen in Krisen auf Menschen zu. Kirche muss ihre Seelsorge stärker zum Spielbein machen, um am Markt zu bestehen. Ein wirksames Beispiel sind Trauercafés. Die positiven Erfahrungsberichte ermutigen Besuchende wie Gastgebende, sich zu vernetzen. Aus Anteilnahme wird Teilhabe. Die Empirie legt noch eins drauf und setzt hinter seelsorglicher Wirksamkeit ein klares Ausrufezeichen.

Status einerseits, Nische andererseits. (Wo) Braucht es Gott? Der Aspekt kam während der Tagung „Seele stärken – We care!“ der Evangelischen Akademie Loccum im Frühjahr zur Sprache. An drei Tagen beschäftigten sich die Teilnehmenden mit der Rolle von Seelsorge im Sozialraum; theologisch, soziologisch, psychologisch. Der Stichwort Einsamkeit fiel. Das Prinzip einer Caring City als Ausweg durch Sozialraumorientierung klingt schlüssig und reflektiert diakonische Werte. Tatsächlich aber kommt es in einer säkularen Großstadt ohne kirchliche Player aus.
Dabei kennt und kann Kirche Gemeinwohlwirksamkeit. „Seelsorge im Krankenhaus, in der Notfallseelsorge, der Telefonseelsorge und im Hospiz, wird als verlässlich, nicht verzweckbar und mit zeitlicher Kapazität ausgestattet erlebt“, bestätigt Miriam Zimmer anhand der impaekt-Erhebungen. Hierin liege die Grundlage für ihre empirisch nachgewiesene Wirksamkeit. „Seelsorge kann der unbarmherzigen Suche nach einem gelingenden Leben etwas entgegensetzen, indem sie Teilhabe an der Gemeinschaft mit Gott ermöglicht“, ergänzt die Frankfurter Professorin für Praktische Theologie, Christine Wenona Hoffmann, die Sicht der Theologie. Fazit: Es geht nicht ohne Kirche, aber sie muss selbst aktiv werden; vom Standbein zum Spielbein wechseln. Und, wo nötig, zurück.

Lüneburgs Regionalbischöfin Marianne Gorka (l. mit Miriam Zimmer) hat Seelsorge zum Schwerpunkt des diesjährigen Generalkonvents ihres Sprengels gemacht. Foto: A. Schwanitz.

Bastian König, Studienleiter an der Evangelischen Akademie und Gemeindepastor, kann bestätigen, dass das klassische seelsorgliche Zweiergespräch, bei dem die Pfarrperson zuhört und dem oder der Ratsuchenden einen sicheren Raum gibt, noch stattfindet, „allerdings mit abnehmender Tendenz“. Das Lüneburger Bild variiert indes je nach Gemeindezuschnitt und sozialem Gefüge, hat Regionalbischöfin Gorka im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen bemerkt. Ganz weg vom Standbein will ihre Kirche schon mal nicht. „Beides darf vorkommen, wir dürfen uns die Seele der Seelsorge nicht nehmen lassen“, findet sie. In der Ausgestaltung Gott mitreden zu lassen, darum geht es. „Die Verbindung zum Göttlichen, das Transzendentale, findet sich nur in der Kirche.“ Es sei eine Kraftquelle, die Menschen gezielt nachfragten.


Während in einer Gesellschaft, die sich bevorzugt selbstoptimiert, fehlerfrei und fluide präsentiert, Scheitern, Schwächen oder Tod nicht vorgesehen sind, „hat das alles in der Kirche seinen Platz“, betont Marianne Gorka. In der Kirche und bei Gott. Ein wegweisendes Fazit für kirchliche Aus- und Weiterbildung – auch Ehrenamtlicher – das sich aus dem Jahr der Seelsorge ergeben hat. Angela Grimm, die das Seelsorgezentrum der EVLKA leitet, hält fest: „Seelsorge kann ein stabilisierender Faktor für eine unter Druck stehende Gesellschaft sein.“

Text: Tanja Kasischke / Foto (1): pr

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