Den Elefanten im Raum spürt Kirche, wenn sie das Thema Wirkung angeht: Die Arbeit steht unter Druck; weniger Ressourcen, steigende Anforderungen. Statt Routinen zu optimieren, braucht es einen Perspektivwechsel hin zu echter Wirkung. Das Schweizer Magazin „Bildungkirche“ der A+W Aus- und Weiterbildung der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe dem Wirkungsthema. Miriam Zimmer stellt drei Ansätze vor, wie Kirche auch im Schrumpfungsprozess ihren Auftrag wirksam erfüllen kann.
Personal und Mittel gehen zurück, die Räume werden grösser, die Anforderungen an Haupt- und Ehrenamtliche in Kirche wachsen. Ein Blick durch die deutschsprachige Kirchenlandschaft zeigt überall dieselben Trends mit je regional spezifischen Ausprägungen. Vor Ort müssen diese Trends konkret bewältigt werden und entfalten ihre Brisanz: Gottesdienstordnungen werden ausgedünnt, persönliche Agenden gefüllt, Aufgaben nach Dringlichkeit priorisiert, persönliches Wohlergehen gegen Arbeitsnotwendigkeiten abgewogen, Erwartungen aus unterschiedlichen Richtungen harmonisiert. Schon beim Niederschreiben klingt diese Kurzdarstellung der aktuellen Situation nach Stress und Hamsterrad.

Eine analytische Perspektive kann erklären, was gerade passiert: Soziale Systeme, also auch Kirchgemeinden und Landeskirchen, neigen zur Autopoiesis, kurz: Selbsterhaltung, und zur Differenzierung. Dass sie sich, ihre Kommunikation und Praktiken immer wieder selbst reproduzieren und immer kleinteiliger ausbuchstabieren, erklärt ihre Stabilität. Diese Praxis passiert oft unbewusst und beruht auf gelerntem Routinehandeln aus einer zuvor wirksamen Praxis. Oder anders formuliert: Systeme sind auf Wachstum programmiert.
Für den Fall, dass Ressourcen weniger werden, lassen sich zwei Reaktionsmuster von Systemen beobachten. Bei langsamem, graduellen und zeitlich begrenztem Ressourcenrückgang ist es die Optimierung. Bei abrupten Krisen ist es der Systemzusammenbruch. Beispiele für beide Muster sind aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern bekannt. In den Kirchen befinden wir uns noch nicht in einer Systemkrise, sondern aktuell im Optimierungsmuster. Das Problem dieses Musters ist, dass es hier nicht mehr um Wirkungen und Ziele geht, sondern um reinen Systemerhalt.
Kirche ist allerdings nicht nur um ihrer selbst willen gegründet. Vielmehr ist sie theologisch und staatskirchenrechtlich einem gesamtgesellschaftlichen Auftrag verpflichtet. Die Frage, die sich daher an diesem Punkt stellt, ist: Wie kann Kirche auch in Schrumpfungsprozessen möglichst wirksam sein?
Routinen der kirchlichen Arbeit haben sich an Lebensrealitäten von Menschen herausgebildet und wurden fortgeführt, weil sie erfolgreich waren. Im Laufe von Jahrzehnten haben sie sich verstetigt und insofern verselbstständigt, als eben nicht in jedem Tun gefragt wird: «Wozu dient diese Praxis / dieses Angebot?» oder «Ist es die bestmögliche Art, die intendierten Wirkungen zu erzielen?»
Genau diese Perspektive braucht es jetzt allerdings, damit kirchliches Handeln eben nicht schlicht immer effizienter Routinen optimiert, die geringe Wirkung entfalten, sondern sich auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen einstellen und trotz schwindender Ressourcen gesellschaftlich wirksam sein kann. Es geht dabei nicht mehr um die Frage, wie etwas getan werden soll (Do things right), sondern darum, was getan wird (Do the right things). Das klingt sehr einfach und wenig alltagspraktisch. Aus diesem Grund möchte ich einen Vorschlag einbringen, der hilft, sich auch in Gemeindeteams darüber zu verständigen, wie der Ressourcenrückgang aktiv gestaltet und zugleich die Wirksamkeit verbessert werden kann. Drei Massnahmen helfen dabei, Aktivitäten zu sortieren und die nächsten Schritte zu planen. Alle drei arbeiten unter der Prämisse, dass weniger Ressourcen da sind, die Wirkungsambition von Kirche aber gleichbleibend hoch ist.
Mit wenigen Ressourcen die grösstmögliche Wirkung erzielen
Wirkungsoptimierung schliesst, auch begrifflich, am zuvor erwähnten Optimierungsmuster an, allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Es wird nicht danach gefragt, WIE die Routine möglichst aufrechterhalten werden kann, sondern WELCHES Handeln die erwünschte Wirkung bei weniger Ressourcen weiterhin erzielt. Diese Perspektive setzt Kreativität für das konkrete Tun frei. Man würde dann z. B. nicht fragen: «Wie viele Schulgottesdienste können wir mit einer Pfarrstelle weniger noch machen?», sondern: «Wie können wir es schaffen, dass die Schüler:innen mindestens einmal im Monat an ihrer Schule authentischen Glauben erleben?»
Weglassen und Ressourcen freimachen, um Wirkungspotenziale zu erschliessen
Wirkungsbewusste Exnovation und Wirkungsinvestment gehen Hand in Hand, wenn Ressourcen gleichbleiben oder zurückgehen. Ganz praktisch stellt sich die Frage: Was können wir weglassen, um Kapazitäten für Neues zu schaffen? Was sich also als wenig wirksam herausstellt und viele Ressourcen bindet, kann exnoviert oder zumindest auf ein Minimum reduziert werden. Dann werden Ressourcen frei, und es darf gefragt werden: In welchem Feld, bei welcher Zielgruppe wollen wir wirken und damit in Neues investieren? Diese Aufgabe klingt hart, kann aber eine erleichternde Läuterung sein.
Die Reichweite von wirkungsstarken Formaten vergrössern
Schliesslich eröffnet sich mit der Wirkungsskalierung die schönste Perspektive. Sie folgt der Frage: Welches ist ihr wirkungsvollstes Handeln? Was sind die Sternstunden Ihrer Arbeit, in denen Sie als Team die höchste Wirksamkeit erleben? Bei diesen Aktivitäten ist zu überlegen, wie sich deren Wirkung ohne grossen Ressourceneinsatz vergrössern lässt. Das kann zum Beispiel gelingen, indem breiter geworben wird, anderen davon erzählt wird, Idee und Materialien weitergeben werden, damit andere damit arbeiten können, oder eine wirksame Praxis auf ein anderes Handlungsfeld übertragen wird.
Diese drei Perspektiven können helfen, Wirkungsorientierung in bereits bestehende Systeme zu integrieren, damit Kirche im Kleinen und Grossen auch im Schrumpfungsprozess ihre Ambition und ihren Auftrag ins Zentrum stellt. Grundlage dafür ist, vor allem in der Arbeit im Team, dass ein gemeinsames Bewusstsein über Wirkungsziele und ein gemeinsames Wissen über die Wirkungen vorliegt. Beide Voraussetzungen sind nicht trivial, können aber verständigt oder mithilfe von Evaluation hergestellt werden.