Unternehmerin mit starkem Markenkern

Die Evangelische Kirche der Pfalz evaluiert ihre Erprobungsräume LabORAtorien. Arbeiten. Beten. Experimentieren. Stimmt die Reihenfolge so oder muss ein Platzwechsel her? Im Werkstattgespräch geht es darum, wie Wirkungsorientierung zustande kommt wenn der Markenkern Evangelium heißt, und was Aufhören als Wirkziel für die Beteiligten heißt.

Mit Heiligem Geist hat Kirche viel Erfahrung. Mit Unternehmergeist bislang weniger. Das ist Oberkirchenrätin Marianne Wagner bewusst, deren Dezernat 4 die LabORAtorien zugeordnet sind. „Die Kritik an kirchlichem Unternehmertum ist, dass es einen Kontext vereinfacht, der sich nicht eindeutig messen lässt.“ Damit bringt Wagner ein strategisches Problem der Organisationsentwicklung zum Ausdruck – das Landeskirchen wie Bistümer in Deutschland herausfordert. „Wirkung erzeugen, das wird häufig gleichgesetzt mit Erfolg haben. Die Orientierung an Zahlen trägt im kirchlichen Kontext bedingt.“ Die Wertung wurzle in der volkskirchlichen Tradition: „Jeder der Dienst tut, will damit etwas bewirken.“ Übertragen auf die Situation der Gemeinden ergeben sich daraus viele parallele Angebote und Strukturen, die unterschiedlich wirksam sind – aber dasselbe an Ressourcen kosten. Eine Hierarchisierung ist verpönt. Betriebswirtschaftliches Konkurrenzdenken auch, zumindest solange Formate kirchensteuerfinanziert sind.


„Kirche traut sich nicht, Wertungen gegen sich selbst auszusprechen“, führt Tim Kaufmann aus. Der Theologe, Referent der LabORAtorien, legt Wert darauf, dass die Silbe ora (beten) den spirituellen Anspruch der Erprobungsräume groß schreibt. „Das ist Gottes Idee. Sich dafür einzusetzen, ist eine freudige Mission – und bleibt es, trotz Krise.“

Katharina Jaehn und Tim Kaufmann hosten die Pfälzer Erprobungsräume „Laboratorien“. Die Wahl des Erlenmeyerkolben (so heißt das Reagenzglas) im Logo verheißt nicht nur kirchliche Experimentierfreude, sondern würdigt zugleich die regionale Tradition chemischer Industrie im Land Rheinland-Pfalz.

Verkürzt gesagt: Im Labor darf die Geistkraft wehen, der christliche Markenkern soll den Prozess zur Gänze begleiten. Das nimmt keineswegs den wirtschaftlichen Druck von den Schultern der Kirchenleitung, hält ihr aber ihren Auftrag vor Augen. Tim Kaufmann plädiert für Resonanz als Wirkziel. „Wirkungsorientierung stelle ich mir so vor, dass sie die Haltung anzeigt mit der wir im Raum der Kirche unterwegs sind, nicht nur die Arbeitsorganisation angesichts von Umstrukturierungen.“ Dafür stehe das Begriffspaar Ora und Labora in den Pfälzer Erprobungsräumen; kirchliches Handeln, das unternehmerisch erfolgreich ist, weil es in der Leistung seinem Markenkern treu bleibt. „Der ist unser Alleinstellungsmerkmal, den bekommt man sonst nirgends.“

Die LabORAtorien sind basisnah konzipiert: Wer teilnimmt, muss keine seitenlangen Anträge schreiben. Dass Gemeinden ins Tun kommen, statt sich in Formalia zu verlieren, ist ausdrücklich erwünscht. Die Landeskirche finanziert Fortbildungen und Mentoring für die Beteiligten, aber keine Stellen und keine Sachmittel. So soll sich genau jener unternehmerische Funke entzünden, der kirchliches Leben in Zukunft anfeuert. „Wenn eine Idee Leute mobilisiert, schaffen die es auch, Spenden zu beschaffen“, so Tim Kaufmann. Seine Kollegin Katharina Jaehn flicht ein, dass zugleich „eine experimentierfreudige und fehlerfreundliche Haltung“ in den Gemeinden entstehen solle.

Die vorläufige Bilanz der 2019 gestarteten LabORAtorien fällt beim Leitungsteam gemischt aus. Einzelne Projekte haben sich prima entwickelt, andere waren gut konzipiert, konnten in der Praxis aber nicht zünden. Eine dritte Gruppe gelangte nicht in die Umsetzung. Dass die Landeskirche als Organisation dazugelernt hat, darin sind sich Marianne Wagner, Katharina Jaehn und Tim Kaufmann einig. „Es gab LabORAtorien, die sich stark an bestehenden Angeboten orientierten. Das ist dann kein echtes Experiment gewesen“, nennt Kaufmann ein Beispiel. Bei aller Bereitschaft, innovativ und mutig zu sein – kirchliche Arbeit sei emotional besetzt. „Wenn wir von Erprobungen reden, sagen die Mitarbeitenden: Sollen wir das jetzt auch noch machen? Wir versuchen dann deutlich zu machen, dass Exnovation dazu gehört oder fragen nach, was dafür an anderer Stelle gelassen wird, um Freiraum zu haben.“

„Wir haben auch schon vorgeschlagen, das Aufhören selbst zur Erprobung zu machen, aber der Erprobungsraum des Aufhörens hat bisher niemanden interessiert.“
Tim Kaufmann

Die Gemeinden, die aus sich herausgingen, im Kontext netzwerkten – und Gott buchstäblich in der Kirche vergessen haben, gab es genauso; Labora ohne Ora. „Da müssen wir uns fragen: Welches Format außer Gottesdienst und Bibelwort trägt?“

Zwei Scharfstellungen, auf Exnovation und Spiritualität, die an die Wirkungsorientierung adressiert sind. Wie spirituell messbar sind neue Formen kirchlich-diakonischen Handelns? Hilft Exnovation dabei, das Bewusstsein der Beteiligten zu stärken, dass sie im Raum der Kirche unterwegs sind? „Exnovation ereignet sich bereits schleichend“, schildert Oberkirchenrätin Wagner, „aber dass Gottesdienste zurückgefahren werden weil keine Menschen mehr kommen oder die Pfarrstelle vakant bleibt, bringt keine Haltung gegenüber Exnovation zum Ausdruck, sondern geschieht aus strukturellem Druck.“ Was sich das Team der LabORAtorien wünscht, ist mehr Ora: „Was hat Gott damit zu tun und warum?“ Gegenwärtig dominiere das Labora der ressourcenorientierten Diskussion. Die Vision ist aber die einer finanziell unabhängigeren Kirche mit starkem Markenkern.

Himmelsleitern als Symbole verbinden Evangelium und Best Practice an der Basis: „Die Vision ist die einer finanziell unabhängigeren Kirche mit starkem Markenkern“, wünschen es sich die Verantwortlichen.

An dieser Stelle wird die Evaluation nach den Beteiligten fragen: „Uns ist aufgefallen, dass bisher überwiegend Hauptamtliche LabORAtorien durchführen. Die Ehrenamtlichen werden spät, in manchen Fällen überhaupt nicht einbezogen“, erklären Katharina Jaehn und Tim Kaufmann. Das wollen sie analysieren. Genauso, warum eine neue Form von Gemeinde bisher nicht entstanden ist – und wie und ob beides zusammenhängt. Marianne Wagner ist bereit, sich den Aufbau der Pfälzer Erprobungsräume noch einmal genauer anzuschauen und auch das Thema Finanzierung zu diskutieren. „Wenn ein Projekt in guter geistlicher Haltung konzipiert ist, aber praktisch scheitert, muss es anders unterstützt werden.“ Vielleicht fürs Erste doch mit Sachmitteln.

Text: Tanja Kasischke / Fotos: Ev. Landeskirche der Pfalz

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